Dokumentation


«Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.»

Paul Sethe, deutscher Publizist, * 12. 12. 1901 , † 21. 6. 1967; 1949-1955 Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, später bei der „Welt“, zuletzt bei der „Zeit“; schrieb u. a. „Deutsche Geschichte im letzten Jahrhundert“ 1961.

Paul Sethe in DER SPIEGEL, 5. Mai 1965

Frei ist, wer reich ist

Den Artikel von Peter Grubbe über die Zustände in der deutschen Presse habe ich sehr aufmerksam gelesen. Ich habe aber ein großes Unbehagen empfunden, als ich meinen Namen darin entdeckte. Er steht zusammen mit den Namen anderer Journalisten, zu denen ich nicht passe. Ich bewundere die Brillanz ihrer Feder, ich ziehe den Hut vor ihrer Lauterkeit und Charakterfestigkeit, aber ich gehöre leider nicht zu ihnen. Ich bin nicht "links".

Ich werfe der offiziellen bundesrepublikanischen Außenpolitik vor, daß sie sich zum Werkzeug einer ideologischen Auseinandersetzung macht. Wer sie betreibt, tut Dienst an der politischen Ersatzreligion, am Antikommunismus, der die nationale und sozialistische Ideologie abgelöst hat. Im 18. Jahrhundert war nichts als die Staatsräson das Hauptmotiv der Diplomaten. Mit der Französischen Revolution ist in der Außenpolitik Europas die ideologische Leidenschaft eingedrungen, die seitdem die staatspolitischen Erwägungen vergiftet hat. Aber die Französische Revolution ist die Mutter aller "linken" Umwälzung geworden. Wer es ablehnt, sich zu ihren außenpolitischen Erben zu machen, wie kann der "links" sein?

Bin ich also ein Reaktionär? Nun, die Staatsräson als Haupttriebfeder der Außenpolitik hat zeitlose Bedeutung und hat sich erfreulicherweise gelegentlich auch seit der Französischen Revolution durchgesetzt. Meine Vorbilder sind nicht nur Bismarck, der bei Nikolsburg seinen König zwang, auf die Rolle des strafenden Richters zu verzichten, um des Staatswohls willen; nicht nur Stresemann, der ein "Westler" war, sein Volk in die Zusammenarbeit mit Frankreich führte, aber es auch verhinderte, daß Deutschland zum Aufmarschgelände antikommunistischer Generalstäbe wurde, und der den Freundschaftsvertrag mit Rußland schloß, sondern auch der Demokrat Kennedy, der den Bolschewismus haßte und doch, um seines Landes willen, die Entspannung mit Rußland suchte; und schließlich, erschrecken Sie nicht, Nikita Chruschtschow, der um Rußlands willen um die kanadische Freundschaft warb und dem kanadischen Ministerpräsidenten auf dessen Klage über die Wühlarbeit der kanadischen Kommunisten nur verärgert antwortete: "Sperren Sie sie doch einl"

Staatsräson statt Ideologie, was hat das mit "rechts" oder "links", "konservativ" oder "liberal" zu tun? Die Gefahr für uns Presseleute besteht nicht eigentlich in der Verdrängung der Liberalen durch die Konservativen. Auch die konservative Weltanschauung hat ein Recht darauf, publizistisch vertreten zu werden. Das Verhängnis sitzt tiefer. Es besteht darin, daß die Besitzer der Zeitungen den Redaktionen immer weniger Freiheit lassen, daß sie ihnen immer mehr ihren Willen aufzwingen. Da aber die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben können, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher. Auch scheint es ein soziologisches Gesetz zu sein, daß mit steigendem Reichtum der Respekt der Wohlhabenden vor der Individualität ihrer Mitarbeiter immer geringer wird. Schließlich halten sie es für selbstverständlich, daß Journalisten nicht ihre Bundesgenossen, sondern ihre willenlosen Gefolgsleute sind.

Ich weiß, daß es im deutschen Pressewesen Oasen gibt, in denen noch die Luft der Freiheit weht. Ich bin glücklich, in einer solchen Oase zu leben. Aber wie viele von meinen Kollegen können das von sich sagen? Durch den deutschen Journalismus geht eine tiefe Melancholie. Sie ist gerade unter fähigen Kollegen mit ausgeprägtem eigenem Profil am häufigsten. Diese Kollegen wissen und unterschätzen es nicht, daß die deutschen Journalisten mehr Geld verdienen, als es jemals in der Geschichte der deutschen Presse der Fall war. Aber sie fühlen sich stranguliert.

Im Grundgesetz stehen wunderschöne Bestimmungen über die Freiheit der Presse. Wie so häufig, ist die Verfassungswirklichkeit ganz anders als die geschriebene Verfassung. Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sie immer. Ich kenne in der Bundesrepublik keinen Kollegen, der sich oder seine Meinung verkauft hätte. Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe. Aber richtig ist es trotzdem. Und da Journalisten nicht reich sind, sind sie auch nicht frei (jene wenigen Oasenbewohner ausgenommen).

Dr. Paul Sethe, Hamburg

Quelle: www.gerdgruendler.de


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